Mein erster Besuch im Grünwalder Stadion

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Sport

Fan der Münchner Löwen bin ich in etwa seit Beginn oder Mitte der 90er Jahre. Und ein Ausflug zum Grünwalder Stadion war wenigstens einmal Pflicht.

Vorab: Ich bin im Norden geboren und aufgewachsen, daher gestaltete sich das ganze schwieriger, als einige vielleicht annehmen.
Während meines Studiums in Göttingen traf ich zumindest auf einen weiteren Löwen-Fan und glücklicherweise haben wir uns auch auf Anhieb verstanden. Geteiltes Leid und so…

Das Grünwalder Stadion oder “Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße”, die Heimat der Löwen, verbindet man einfach mit den großen Erfolgen des TSV 1860, allen voran der Deutschen Meisterschaft 1966. Einmal die Atmosphäre bei ausverkauftem Hause zu erleben, das musste sein und war irgendwie auch ein Traum von mir. Auch wenn das Fassungsvermögen nicht mehr an frühere Verhältnisse heranreicht.

Der Abstieg war unsere Chance

Dumm nur: Die Sechzger spielten Ende der 90er in der 1. Liga und damit im Münchner Olympiastadion. Erst nach dem Abstieg 2004 wurde entschieden, die Heimspiele bis zur Eröffnung der Allianz Arena ein Jahr später im Grünwalder auszutragen. Die Chance war gekommen. Der Abstieg hatte also auch irgendwie etwas Gutes.

Unserer Besuchshistorie zum Trotz – alle vorherigen gemeinsamen Stadionbesuche endeten mit einem Unentschieden – machten wir uns am 17. April 2005 auf in Richtung München. Dass dies für uns beide der erste Besuch war, gestanden wir uns übrigens erst auf der Zugfahrt. Die fünf Stunden Fahrt verkürzten wir uns mit hitzigen Diskussionen über die aktuelle sportliche Lage und dem Schwelgen in Erinnerungen. Die Frage nach dem vierten Teilnehmer der Aufstiegsgruppe zur 2. Bundesliga im Jahr 1991 beschäftigte uns dabei etwas länger.

Das Spiel gegen den 1. FC Saarbrücken an diesem 29. Spieltag war bei weitem kein unwichtiges Spiel. Die Löwen hingen im Januar nach einer verkorksten Hinrunde 12 Punkte hinter den Aufstiegsplätzen zurück, waren in der Rückrunde bisher allerdings noch ungeschlagen. Und mehr noch: Sie schafften es, innerhalb von sechs Spielen diese 12 Punkte wettzumachen und standen zum zweiten Mal in der Saison auf dem dritten Tabellenplatz.

Im Nachhinein betrachtet der helle Wahnsinn. Der Wiederaufstieg war zum Greifen nah, entsprechend nervös waren wir natürlich.

Sechzgermarsch, Wurst und Bier

In München angekommen ging es mit der U-Bahn zum Wettersteinplatz. Von dort aus waren es nur noch wenige Schritte bis zu denStehplätzen in der ausverkauften Westkurve. Diese Momente, in denen man sich einmal wirklich “daheim” fühlt, umgeben von einer Horde weiß-blauer Fans waren bei uns gewöhnlich spärlich gesät. Größtenteils sahen wir unseren Verein lediglich bei Auswärtsspielen in unmittelbarer Nähe – zu Erstligazeiten in Wolfsburg, Hamburg oder Bremen.

Wir registrierten noch beim Einlass mit Freude das Abspielen des Sechzgermarschs. Das Lied gefällt mir und passt mit seiner Art auch irgendwie zu uns. Allerdings haben sich die Zeiten geändert und einige Textpassagen wirken gerade heute eher wie ein Fremdkörper, betrachtet man die aktuelle Situation des Vereins. Aber angesichts der Tatsache, dass wir in den sechziger Jahren zu Europas Spitze gehörten, war die zu dem Zeitpunkt noch offizielle Hymne “Stark wie noch nie” eine Ohrfeige für den an sich sehr traditionsbewussten Löwenfan.

In der Kurve war die Stimmung bereits hervorragend und auch unser Blick aufs Spielfeld war gut. Einen kleinen Bereich rechts am entfernt gelegenen Tor konnten wir zwar nicht einsehen. Das hatte allerdings den Vorteil, dass wir auch das dahinter versammelte Grüppchen mitgereister Saarländer nicht wirklich wahrnahmen.

Nach der schnellen Führung durch Paul Agostino in der vierten Minute verlief das Spiel recht erfreulich. Lediglich unserem tschechischen Bomber Michal Kolomaznik klebte anscheinend das Pech am Schuh. Er versiebte eine hochkarätige Chance nach der anderen – es war zum Mäuse melken.

Entschlossen, unsere Mägen mit Nahrung zu füllen, suchten wir in der Halbzeitpause die nächstgelegene Imbiss-Bude auf. Es galt, sich zwischen Wiener und Leberkässemmel zu entscheiden. Letzterer stellte kalt, dünn geschnitten und in Folie verpackt jedoch keine wirkliche Alternative dar. Warum wir für zwei Würste und ein Getränk dann über zehn Euro bezahlt haben, fragten wir uns erst einige Stunden später.

Kolo-machts-nicht

Von der zweiten Halbzeit blieben dann nur noch zwei Dinge wirklich hängen: Zum einen die Erkenntnis “Kolo-machts-nicht”, zum andere natürlich der bittere und unverdiente Ausgleich in der 89. Minute. Yilmaz Örtülü, wenige Minuten zuvor eingewechselt, traf aus 30 Metern mitten ins Herz.

Der Punkt war natürlich zu wenig, zumal die Frankfurter zu gleicher Stunde skandalös mit 5:0 in Aue gewannen. Aufgrund des besseren Torverhältnisses verdrängten Sie uns damit von den Aufstiegsplätzen und verteidigten ihre Position bis zum Ende der Spielzeit leider auch souverän. Unsere starke Rückrundenbilanz (9-7-1) half am Ende nichts.

Was bleibt ist ein unvergesslicher Tag bei einem Spiel des TSV 1860 München im Grünwalder Stadion. Die Fahrt war für uns beide ein emotionaler Erfolg, daran kann auch das Resultat nichts ändern. Wir haben die letzte Chance genutzt, so muss man es sehen. Die erste Mannschaft wird wohl nie wieder ein Pflichtspiel im Grünwalder bestreiten, zumindest nicht in der 1. und 2. Bundesliga.

Mit der Erkenntnis, dass offenbar doch jeder unserer gemeinsamen Stadionbesuche mit einem Unentschieden endet, entschieden wir uns danach zum Wohle des Vereins übrigens, auf unseren geplanten Besuch in Fürth am vorletzten Spieltag zu verzichten.

Zahlen und Fakten zum Spiel

TSV 1860 München
T. Ochs – Lanzaat, Szukala, Rodrigo Costa, M. Schäfer – R. Meyer, M. Lehmann – D. Baier (64. Krontiris), Gebhardt (75. Milchraum) – Agostino, Kolomaznik (86. L. Davids)

1. FC Saarbrücken
Eich – Demai, Nsaliwa, Adiele, S. Kling – Rozgonyi, Nehrbauer (71. Reuter) – El Idrissi, Hagner – Bencik (90.+1 Stuff), Thiebaut (77. Örtülü)

Tore
1:0 Agostino (4., R. Meyer)
1:1 Örtülü (89.)

Gelbe Karten
R. Meyer, Milchraum
Nehrbauer, Demai, Rozgonyi, Hagner, Reuter

Gelb-Rote Karten
Rodrigo Costa (90.)
Örtülü (90.)

Anstoß
17.04.2005, 15:00 Uhr

Zuschauer
19.100

Schiedrichter
Mike Pickel

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