Lieber Papa, …

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Familie

Das war so nicht der Plan. Nicht jetzt. Nicht so früh.

Mit 67 Jahren sollte ja ohnehin niemand gehen müssen. Schon gar nicht, wenn man doch vor 16 Monaten gerade zum ersten Mal Opa geworden ist. Diese Freude darüber und den Stolz konnte man dir in der ganzen Zeit über so sehr ansehen. Das war toll.

Dann die Diagnose im vergangenen November. Krebs. Eine aggressive Form. Schnell wachsend und bereits gestreut. Niederschmetternd für uns alle. Am Meisten wohl für dich.

Aufgegeben hast du selbstverständlich nicht, dich ohne zu zögern für die Chemotherapie entschieden, warst zuversichtlich und voller Hoffnung. Kämpfen bis zum Schluss. Ein echter Soldat eben. Und deine Marine-Uniform begleitet dich nun auch auf deinem letzten Weg.

Krebs ist und bleibt ein verdammtes Drecksding und viel zu oft leider gnadenlos. Der Widerstand, den dein Körper am Ende zu leisten im Stande war, hat nicht ausgereicht.

An Weihnachten hab ich dich ein letztes Mal gesehen. Du hattest deine zwei Söhne, ihre Frauen und dein Enkelkind bei dir. Und hast es genossen, glaube ich. Du warst zwar schwach, aber gut drauf, hast viel gelacht. So behalte ich dich in Erinnerung.

Mach dir ein Bier auf. Es könnte unser letztes sein“, hast du gesagt. Für den Satz habe ich dich für einen Bruchteil einer Sekunde gehasst. Aber jetzt bin ich froh, dass ich auf dich gehört und mir eins aufgemacht habe… na gut, zwei waren es ja dann.

In den letzten zwei Wochen wolltest und konntest du nicht mehr telefonieren. Daher hatten wir auch keinen Kontakt mehr. Schade. Aber nach dem, was ich gehört habe, lief gesundheitlich zuletzt auch einfach alles falsch. Und das, was dir blieb, war nicht mehr das Leben, das du verdient hattest.

Ich glaube auch, dass deine Zuversicht zu kippen drohte. Wenn sie nicht sogar schon verflogen war. Deshalb bin ich unglaublich froh für dich, dass es am Ende so schnell und so angenehm zu Ende gegangen ist. Auch wenn wir alle insgeheim gehofft haben, noch ein weiteres Weihnachtsfest mit dir verbringen zu können.

Nur zu gerne wäre ich jetzt dort, wo du bist. Wenigstens ganz kurz. Es gibt so viele Dinge, die ich dir sagen wollte. Und Fragen hab ich. Hier liegt noch diese Liste, die ich vor zwei Wochen begonnen habe. Fragen zur Befestigung von Küchenleisten, zu Arbeiten im Garten, zu diesem Knacken am Auto. Und wofür ist dieser Aufsatz bei deiner Schlagbohrmaschine?

Du wusstest und konntest so viele Dinge. Autos, Heimwerken, Kochen. Du warst ein praktischer Mensch. Hast ja auch unser Haus gebaut. Du hast mir auch viel beibringen wollen. Doch zugehört habe ich leider viel zu selten. Meine Interessen lagen woanders. “Kann ich ja nochmal nachfragen, wenn ich es brauche”.  – Ja.

Jetzt ist es zu spät. Ich werde dich nie mehr wiedersehen, nie mehr mit dir reden können, nie mehr irgendetwas fragen können.

Das tut verdammt weh.
Ich vermisse dich.

Ich liebe dich und bin dir so dankbar für alles, was du getan hast, um mich groß zu ziehen und behütet aufwachsen zu lassen. Und für die Dinge, die mich zum Lachen gebracht haben, die mir Spaß gemacht haben und für alles, was du mir ermöglicht hast.

Seit du nicht mehr da bist, sprudelt mein Kopf nicht nur vor Trauer, sondern auch vor Erinnerungen aus den letzten 41 Jahren:

Unsere Hallen- und Wellenbad-Besuche. Wie wir oft zusammen am Tisch saßen und Rommé oder Kniffel gespielt haben. Unsere Tischtennis-Matches auf der Terrasse. Schlittenfahrten und Silvester-Raketen abends um 18 Uhr. Wie du an Heilig Abend meine Lego-Raumstation zusammengebastelt hast. Wie du Kistenweise Cola und Fanta gekauft hast – der Knibbelbilder wegen. Mein erster Stadionbesuch mit dir. Wie du uns Panini-Bilder der WM 82 mitgebracht und dich ebenfalls dabei gefreut hast. Deine Besuche bei meinen Baseball-Spielen und Band-Auftritten. Deine Unterstützung bei meinen ‘zig Umzügen…

Es gibt so unendlich viele Erinnerungen. Aufschreiben dauert zu lang. Aber ich werde jede einzelne behalten.

Ich würde die Uhr so gerne zurückdrehen. Meinetwegen auch nur für ein Jahr. In Gedanken bleiben wir verbunden, immer.

Es hätte alles anders laufen sollen, ein wenig mehr Zeit vielleicht?

Doch wie hast du immer gesagt: “Da steckste nicht drin“. Und das stimmt leider, so schwer es mir auch fällt.

Danke für alles, Papa!

 

 

2 Kommentare

  1. Lieber Mike, ich habe mein Beileid eben als Kurzfassung auf Twitter spontan formuliert. Ich freue mich dennoch für Dich, dass Du einen so tollen Papa hattest, der so wunderbare Dinge mit Dir erlebt hat und Dir viel beibringen konnte. Das ist ein Schatz! Lass die Trauer raus und lass Dich trösten, wenn das möglich ist. Als mein Vater 2002 an seinem verf… Alkohol starb, habe ich um meine kaputte Kindheit und Jugend voller Angst, Unsicherheit und Geheimnisse geweint. Ich bin mir sicher, durch Deinen Vater kannst auch Du ein toller Papa sein. So wünsche ich es Dir und Deiner kleinen Tochter zumindest. Schade, dass es im Mai nun nicht klappt. Hätte gern 1,2,3 Bier mit Dir getrunken. Herzliche Grüße, Heidi

  2. Lieber Mike,
    ich habe es erst jetzt gelesen und hab Tränen in den Augen. Es tut mir so leid, dass alles so schnell ging. Mein aufrichtiges Beileid und viel Kraft für Deine Familie. Natürlich wissen wir, dass unsere Lieben jetzt nicht mehr leiden müssen, dennoch tut es weh, sie gehen zu lassen. Euer “letztes Bier” bleibt hoffentlich etwas besonderes, ein Abschied im Guten. Was bleibt sind hoffentlich unendlich viele, schöne Erinnerungen und die Liebe.
    Fühl Dich umarmt.
    Tanja

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